Eine Entscheidung für mich

Aktualisiert: 18. Juli



Achtung, in diesem Text geht es um einen Schwangerschaftsabbruch. Dies ist ein ehrliches, intimes Gedankenbild während einer Abtreibung. Eine Entscheidung für mich

Ja, ich empfinde Freude. Ja, es ist ein wunderbares Gefühl. Ja, ich kann und möchte mich darauf einstellen. Ja, diesmal mache ich es anders, diesmal schaue ich mit weiser Voraussicht dahin, wo ich schutzlos meinen mütterlichen Instinkten und unumgehbaren Pflichten ausgeliefert bin. Ja, es wird gehen. Ich bin schon zweifache Mutter. Ja, ich liebe es Mutter zu sein. Ja, es ist das Schönste und Intensivste was ich während meinen 31 Jahren erlebte und jeden Tag aufs Neue erlebe. Ja, es ist aus Liebe entstanden. Ja, wir passen gut zusammen. Ja, ich möchte dieses Wesen kennenlernen. Ja, ich bin stark, ich werde diese Schwangerschaft durchstehen, meinen Kindern, meiner Berufung als Yoga Lehrerin, meinem Online Shop, meiner 50% Stelle in Bern, meinem Liebsten, meinem Umfeld, einfach allem und auch mir gerecht werden. Ja, ich komme immer noch zuletzt. Ja, ich weiss. Ich sollte für mich an erstes Stelle stehen. Ja, da stehe ich auch, ganz klar, wenn ich kraftvoll in mir stehe. Daran gibt es nichts zu rütteln. Doch es rüttelt, denn schon jetzt stehe ich neben mir. Mir ist übel, bereits über zwei Monate Übelkeit. Ich sollte es gewohnt sein, war zwei mal neun Monate so. Aber mir ist übel und es rüttelt schon jetzt. Schon jetzt realisiere ich, ich hab vieles aufgehört, aufgegeben und verloren was meine Essenz nährt. Allein sein, tanzen, singen, kochen, essen, Orgasmen, Yoga, Wald und frei fühlen. Alles was mich und nur mich alleine nährt räume ich weg.

Ja, ich vertraue ihm, liebe ihn, möchte ganz tief verbunden sein mit ihm.

Ja, ich spüre ein liebevolles, grosszügiges und wohlwollendes Umfeld, das mir helfen würde zu tragen. Ja, meine beiden Kinder wären wunderbare Geschwister. Ja, mir kommen Freudentränen beim Gedanken ihnen ein kleines Geschwister zu schenken. Da sind noch zwei grosse Geschwister von ihm, wunderbare kleine Menschen. Ja ich wünschte mir immer ein Haus voller Kinder. Ja es wäre schön. Ja ich würde mich dieses Mal besser einrichten, alles anders machen, mich ernster nehmen, mich hören. Ich würde nicht so oft selbstverständlich über meine Grenzen hinausgehen.

Ja es wäre möglich.

Doch es rüttelt, so tief in mir, so leise, fast flüsternd.

Es ist mein inneres Kind. Mein innerstes Ich. Es ist verletzt. Nicht schwer verletzt, aber verletzt. Mein innerstes Kind ist eine radikale Feministin, autark, laut und frech. Aber es ist lange her, dass ich sie hörte und spürte, denn ich hab sie verletzt und sie wurde stiller.

Kleine fast unmerkbare Wunden, nichts Tragisches, nur etwas "Heile Heile Säge" und "Tue nid so" übermalten die Wunden. Ich wurde grösser, habe ausgeklügelt mein Menschenverständnis geschult, nach aussen geschaut und gelernt allen gut zu tun. Ich wollte dieses freche, egoistische Kind nicht mehr in mir und habe es überdeckt, mit dem was für mich Sinn machte, damit ich dahin komme wo ich hin will. Irgendwann wurde es ganz klein und ich gross.

Alles war gut, ist gut und wird gut. Nein! Es rüttelt.

Aber ich werde und bin eine gute Mutter für meine Kinder, auch wenn noch eins kommt.

Und wenn es kommt, geht ein Teil von mir und versteckt sich wieder.

Es rüttelt und im nächsten Moment höre ich mich am Telefon sagen: "Hallo, ich möchte einen Termin für eine Abtreibung." Ich erschrecke. Wie in Trance mache ich weiter, denn sie nehmen keine neuen Patientinnen. Wieder und wieder rufe ich in Praxen an, wieder und wieder höre ich von ihnen, dass sie voll sind.

Schnitt. Ich bin draussen, muss laufen, werde wütend, ohne Gedanken, einfach nur Wut. Wie hergezaubert treffe ich zufällig meine Schwester, sage ihr was ich vor hab, keinen Bock etwas schönzureden. Sie bestärkt mich, nicht meine Entscheidung, einfach nur mich. Auch sie hat ihre Geschichte. Ich realisiere jetzt, so viele haben eine Geschichte. Ich telefoniere weiter, bekomme einen Termin, freundlich, diskret und wohlwollend. Ich gehe auf Autopilot bis dahin. Möchte diese Entscheidung teilen mit ihm. Er hat Verständnis, steht hinter mir. Wie schön für mich. Doch ich bin in Gedanken bei all den Frauen, die nicht bestärkt werden, nicht unterstützt werden, verurteilt werden.

Wie grausam, dass diese Entscheidung verachtet wird oder gar illegal ist an vielen Orten. Wie widerlich, dass unsere Gesellschaft mit solchen Realitäten von Fortschritt redet. Ich habe nun gespürt wie wertvoll es sein kann zu hören, dass ich nicht alleine bin mit dieser Entscheidung für mich.

Und gleichzeitig hab ich gespürt wie alleine, beschämt oder gar verstossen sich viele durch diese Entscheidung kämpfen müssen. Und deshalb teile ich weiter. Damit es aus der Tonne der Tabus herausschwabben kann. Ich dachte immer, ich könnte das nicht; mich über Mutter Natur hinweg zu entscheiden. Doch ich kann, denn ich, meine Gedanken und meine Entscheidungen sind auch Teil dieser Natur.

Es war beängstigend, fordernd und schmerzhaft. Doch ich hatte keine Zweifel, jedenfalls fast keine. Mit dieser Erfahrung durfte ich erfahren wie komplex ein Mensch ist, ich bin, alles ist. Und wie wenig es ein Richtig und ein Falsch gibt. Meine Entscheidung war für mich nicht vorauszusehen, denn ein sehr grosser Teil von mir, den ich sehr liebe und umarme, hat sich dieses Kind gewünscht und hätte es mit aller Kraft, Liebe und Leidenschaft in die Welt und durch sein Leben getragen.

Doch diese mütterliche Seite in mir hätte wiederum alles andere in mir für einige Jahre verdrängt. Mit dieser allumfassenden, durchdringenden Liebe, die entstehen kann, wenn ein Kind auf die Welt kommt, wird alles andere unwichtig, werde ich unwichtig. Ich bin froh, dass ich mir am Wichtigsten bin, mich ernst nehme und diese Entscheidung treffen kann. Ich hoffe zutiefst diese Entscheidung bleibt auch weiter bei uns selbst. Ein Text für mich zum Verarbeiten und für dich zum mittragen. Iona Knieriemen







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